Sauerbraten

 

Kabarettistische Betrachtungen - Der Sauerbraten. Foto: Pongratz Roland
Die Essensliste hat Jens-Uwe vor zwanzig Minuten im Bus nach links hinten gereicht. Jetzt kommt sie über vorne rechts zu ihm zurück. Die sechzig Teilnehmer der Land-und-Leute-kennen-lern-Fahrt haben vierzigmal bei Schweinebraten mit knuspriger Kruste vom heimischen Schwein nach Omas Art und neunzehnmal bei Rheinischem Sauerbraten vom heimischen Rind mit geschmackvoller Soße nach Omas Art gestrichelt.

Jens-Uwe ist sofort elektrisiert, beim ersten Blick erkennt er: Es fehlt eine Bestellung. Er zählt vergewissernd nach und registriert faktisch die ungeheure Schlamperei. Und das darf nicht sein, der Zeitplan würde erheblich gefährdet, die ganze Ausflugsdisziplin gestört, wenn wirklich ein Essen fehlt.

Im Waldblick warten sie schon auf seine Ansage, Platz einnehmen ist exakt um 12uhr. Um 12Uhr30 müssen die Essen und die Getränke verzehrt und die Zirbelstub´n geräumt sein. Aber ein Essen fehlt! Wie sollen die im Waldblick Schweine- und Sauerbraten vorbereiten, garnieren, hinstellen, das „Hods gschmeckt!?“ abfragen, den Kaffee bringen, kassieren, abräumen, den nächsten Bus würdevoll empfangen und liebevoll abfertigen, wenn ein logistischer Schwachpunkt alles gefährdet?

Das Defizit dominiert ihn jetzt völlig, er wird ungehalten, hektisch, nichts fürchtet er mehr als eine Blamage. Zwei, vier, sechs … wieder das hartnäckige Defizit. Er stemmt sich jetzt hoch, geht schwankend und sehr energisch blickend bis zum Heck des Busses. Er fixiert alle namentlich und dann, beim Zurücktapsen, erkennt er siedend heiß den Schwachpunkt, sich selber. Er ist noch ohne kulinarische Festlegung. Alles klar, wertet er busweit hörbar und trägt sich leise bei „Sauer“ ein.